Zum Capo Vaticano & erster Entführungsversuch der ´Ndrangheta

Mein Italienisch wird immer besser! Ich kann schon Dinge fragen, wie “bin ich die erste, die gegen diese Glastür gelaufen ist?”

Ich habe fantastisch geschlafen und überlege, was ich mit dem heutigen Tag hier anfangen könnte. Die Honda steht gut im Innenhof zusammen mit einer fetten 1200er BMW GS mit 30l-Tank!

Gucken sich ja mit dem… nicht an. Vertragt Euch bloß, ihr zwei!

Beim Frühstück lerne ich das dazugehörige Paar aus Oberbayern kennen. Die beiden waren 2 Wochen hierhin unterwegs und haben noch weitere 4 Wochen Zeit, in denen sie zuerst rüber nach Sizilien und von dort weiter nach Sardinien und von da erst noch nach SPANIEN wollen, bevor sie sich wieder auf die Heimreise begeben.

Nach dem Frühstück wasche ich erst mal ein paar von meinen Sachen und starte danach zu einer kleinen Wanderung zum ca 8 km entfernten Capo Vaticano.

Unterwegs frage ich eine Polizistin am Straßenrand , ob ich hier auf dem richtigen Weg bin. Sie nickt und als ich weiter gehen will, fragt sie irritiert „per piedi?“ zu Fuß? Ich nicke und sie versucht mir klarzumachen, dass es viel zu weit ist und dass es Busse gibt, die dorthin fahren. Ich nicke, si si, ich weiß das, aber nach den vielen Tagen auf dem Motorrad verlangen meine Beine nach Bewegung. Sie schüttelt den Kopf; nicht unfreundlich, eher nachsichtig, wie bei kleinen Kindern, die kurz davor sind, eine Dummheit zu begehen und die man gewähren lässt, damit sie aus eigener Erfahrung lernen können.

Ich gehe weiter auf einer Landstraße oberhalb der Küste und durchlaufe ein paar kleinere Orte.

Nicht wirklich schlimm aber ein bisschen unangenehm sind nur die Abschnitte, an denen es weder Bebauung noch Randstreifen für Fußgänger gibt und wo man sich für die vorbeifahrenden Autos ganz schmal machen sollte.

Viadukt bei Ricadi

Ab ca. der Hälfte der Strecke grüßen mich entgegenkommende Busfahrer schon wie eine alte Bekannte und lachen dabei, als hätten sie noch nie jemanden gesehen, der hier zu Fuß entlang marschiert.

Ich habe allerdings heute auch noch niemanden gesehen, der das tut…

Es ist heiß, und ich bin froh über mein Wasser im Rucksack und die gelegentlichen Obststände am Straßenrand, wo ich ein neues italienisches Wort lerne: „morbide“ soll meine Nektarine sein!

An der letzten Gabelung vor dem Capo Vaticano kaufe ich ein eiskaltes Peroni-Bier, dass ich gleich zur Feier meiner Ankunft trinken werde.

Schön ist es hier. Ich bin fast die ganze Zeit allein hier oben und mache das obligatorische Touristen Selfie.

Und noch eines nach der halben Flasche Peroni.

Ein Italiener zeigt auf die Landmasse in der Ferne: „Sicilia“.

Nach einer ganzen Weile, in der ich mich über die Aussicht, das Peroni und das Leben im Allgemeinen freue, mache ich mich auf den Weg nach Ricadi, von wo noch ein Zug zurück nach Tropea gehen soll.

Auf dem Weg nach Ricadi

Der Bahnhof wirkt verlassen, aber eine elektronische Anzeigetafel bestätigt mir: in ca 1,5 Stunden soll er kommen, mein Zug.

Zeit, sich auf eine Bank zu setzen und den Blog zu aktualisieren.

Und hier startet die ´Ndrangheta ihren ersten Entführungsversuch: als ich ca. Eine Viertelstunde hier sitze, schleicht ein kleiner Mann im die Ecke des Bahnhofsgebäudes, äugt erst ein paar Minuten in die Gegend und spricht mich dann an. Nach Tropea? Ich könne mit ihm fahren, es sei nicht teuer, man werde sich schon einig, usw…

Holzauge sei wachsam, nicht mit mir, Freundchen! Ich danke für das Angebot und sage ihm, dass ich auf den Zug warten will. Da behauptet er, dass heute kein Zug mehr käme. Ich zeige auf die Anzeigetafel und lächele ihn so sympathisch wie möglich an; nicht, dass der mir hier noch auf dumme Ideen kommt. Momentan sind wir nämlich noch mutterseelenallein. Er versucht es noch einmal und verzieht sich dann.

Wohl fühle ich mich aber erst wieder, als nach fast einer Stunde weitere Zuggäste auftauchen.

Nachtrag: Ich möchte die (vermutlich überwiegend freundlichen und hilfsbereiten) Kalabresen hier nicht in einem falschen Licht erscheinen lassen: vermutlich war der kleine Mann so etwas wie ein Taxifahrer, der am Bahnhof nur versucht, sich ein bisschen was zu verdienen. VERMUTLICH

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