Tag 16, Stechpaddeln

Gestern war ein guter Tag, was auch daran liegen könnte, dass es für mich zur Zeit überall ok ist, wo ich paddeln kann. Schöner fand ich es aber weiter nördlich, auf dem als „Überlinger See“ bezeichneten Arm des Bodensees. Abgesehen von den vielen landschaftlich geschützten und wenig bis gar nicht bebauten Uferbereichen kann man dort auch überall bis zum anderen Ufer hinüber sehen und das Wasser ist ruhiger.

Ich will aber dem Süden noch eine Chance geben und fahre deshalb heute zunächst ein paar Orte zwischen Lindau und Eriskirch an, die auf der Karte geeignet aussehen.  Aber vor Ort verleitet mich keine der Stellen dazu, eine Tour zu starten. Auf der Suche nach Wegen ans Wasser lande ich u.a. in großen Campingparks und in einer noch größeren Marina; alles nichts für mich.

Ich weiss nicht, ob es am harten Licht heute liegt, an dem aufgeregten Wasser überall, der fehlenden Aussicht auf ein gegenüberliegendes Ufer oder was es genau ist, aber ich werde mit dieser Ecke des Bodensees heute nicht mehr warm. Und im Eriskircher Ried, wo ich es probieren würde, verbietet der Naturschutz, irgendein „Wasserfahrzeug“ zu nutzen. SUP-Boards sind auf den entsprechenden Schildern explizit in das Verbot eingeschlossen.

Wenigstens begegne ich dort 2 Motorradreisenden auf dem Weg in die Toskana. Beide auf Triumph Tigern, die so ausgerüstet sind, dass ich zuerst eine Weltreise vermute.

Irgendwann habe ich genug von der Sucherei und fahre doch Richtung Norden bis zum Strandbad Nussdorf. Von dort aus paddele ich ca. 2 Stunden gegen eine moderate Strömung

vorbei an der Wallfahrtskirche in Birnau

bis zu den Pfahlbauten in Unteruhldingen,

seit 2011 im Weltkulturerbe der UNESCO und sicher ein spannendes Ausflugsziel; ich begnüge mich mit dem, was ich vom Wasser aus sehe. Das Paddeln entlang dieses idyllischen Uferbereichs bereitet mir für heute Freude genug.

Gleich hinter den Pfahlbauten gibt es einen Strand mit Biergarten, in dem eine sympathische Crew wirbelt. Ich esse eine hausgemachte Erbsensuppe und bin versucht, auch noch den ebenfalls hausgemachten Zwiebelkuchen zu probieren, verzichte aber angesichts des vor mir liegenden Rückwegs darauf, mich jetzt und hier vollzufressen.

Bei meinem Board, das am Strand auf mich wartet, haben sich unterdessen 2 Interessierte eingefunden. Ich werde eingehend zum Stand-Up-Paddling befragt, ob das wirklich jeder kann, welches Board man nehmen soll usw. Es vergeht die Zeit und als ich den Rückweg antrete, ist es schon spät. Das Licht ist golden und ich paddele gemütlich gen Nussdorf.

Auf Höhe des Kloster Birnau paddele ich zum Schauen wieder näher ans Ufer heran

Bei ganz sanfter Dünung – von der Gegenströmung ist kaum noch etwas übrig – lasse ich mich noch einmal ins Wasser gleiten und schwimme unter einem wunderschönen Abendhimmel hinter dem Board her, das sich bereitwillig immer wieder ein paar Meter weiter stupsen lässt. Ich bin selig im Wasser und vergesse die Zeit, während die Sonne tiefer sinkt.  Kurz bevor sie hinter den Hügeln auf der anderen Uferseite verschwindet, krabbele ich wieder aufs Board und versuche mit dem iPhone das Licht einzufangen.

Und dann fällt mir ein, dass es ohne die Sonne gleich ziemlich duster sein wird und ich noch ein ganzes Stück zu paddeln habe. Ich gebe Gas und mache dem Begriff des „Stechpaddelns“ zum ersten Mal alle Ehre. Man kann, was man muss 🙂

Mit dem allerletzten Lichtschein gehe ich im bereits geschlossenen Nussdorfer Strandbad an Land und bin für die nächste Viertelstunde das Unterhaltungsprogramm für jene, die sich im Seerestaurant an frischen Bodenseefelchen und dergleichen laben. Während ich notdürfig Board und alles andere trockne, einpacke und mich umziehe, höre ich die Kommentare, „Ach, guck mal,  Ludwig, jetzt rollt sie es zusammen…“, „…doch, die ist mit dem Motorrad da!“ usw.  Als ich aufschaue und mich zum gehen wende, sehe ich, dass das halbe Restaurant mich ansieht wie die Tagesschau. Ich grüße in die Runde und verschwinde.

Es ist bereits stockfinster, als ich draußen vor dem Eingang des Strandbads das Motorrad bepacke – egal, diese Abendsession war einfach zu schön. Das war es wert. Das denke ich auch noch, als ich eine Stunde später über die letzten Kilometer unbeleuchteter Wald- und Feldwege mit Bodennebel irrlichtere, bevor ich wieder im Humboldt-Haus ankomme.

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