Tag 9: Vichy – Le Puy en Velay

Länger als nötig räkele ich mich heute morgen in diesem schönen Hotelbett, bevor ich zum Frühstück und zum Feintuning für die heutige Strecke übergehe.

Gestern Abend habe ich überschlagen, dass ich noch einen weiteren Tag Richtung Süden fahren kann. Dann muss ich langsam umkehren und mich auf den Heimweg machen, wenn ich mich weiter in diesem „Tempo“ bewegen will. Das heutige Ziel wird also der südlichste Punkt meiner Reise werden. And the winner is … : „Le Puy en Velay“. Der Ort im Südosten der Auvergne lockt mit seiner schönen Lage auf über 600 Metern und mit spektakulären Bildern einer Kirche, die auf einem Vulkankegel errichtet wurde. Das möchte ich mir ansehen.

Die Strecke nach Puy en Velay führt durch einen der zahlreichen regionalen Naturparks in Frankreich, den Parc Naturel Livradois-Forez.

Das Wetter ist heute eher kühl und meistens bedeckt, aber es bleibt trocken. Für die regenreiche Auvergne, die lt. Klimatabelle auch noch im Mai ihr Niederschlagshoch hat, geht das mehr als in Ordnung.

Die Salers Rinder: geben leckeren Käse

Die Strecke bietet ein paar schöne Kurvenabschnitte, durch die ich enthusiastisch hindurchwedle und erst als ich an einem kleinen Rastplatz an der Straße Pause mache, stehe ich zum ersten Mal an diesem Tag vor einem wirklichen Problem: soll ich die Kirschen aus meinem Tankrucksack jetzt schon essen oder lieber später…?

Ist das herrlich hier, so allein auf den Straßen. Ob ich noch mal Gefallen daran finden werde, in Köln Motorrad zu fahren?

Mittlerweile bin ich besser darin geworden, rechtzeitig für Proviant zu sorgen, bevor ich wieder in einsamere Gegenden fahre. Und so ist mein Tankrucksack jetzt gut gefüllt. Ich esse Kirschen, eine Banane und ein Camembert-Sandwich. Schön hier. Außer mir hält nur einmal ein jüngeres Paar im grünen Renault an dem kleinen Rastplatz und studiert eine Straßenkarte. Um noch länger hier Herumzusitzen wird es irgendwann zu kalt und ich fahre weiter. Es wird immer ungemütlicher, je höher ich komme. Erst als ich die Regenkombi übergezogen habe, ist es wieder mollig und die Weiterfahrt ein Genuss.

Irgendwann habe ich dann den ersten Blick auf die Stadt. Schon von weitem sieht man eines der beiden Wahrzeichen der Stadt, die rosa Statue der Notre–Dame de la France, die 16 Meter groß auf einem Vulkankegel thront.

Sieh an, Le Puy besitzt u.a. das Unicef-Siegel für kinderfreundliche Kommunen. Schade, ich bin schon groß.

Ich freue mich darauf, mir diesen Ort näher anzusehen, aber erst mal muss ich mein Hotel finden.
Das „Appart’Hotel des Capucins“ erwartet mich schließlich mit einem tollen Zimmer inkl. Pantone Chairs und großem Bett vor zwei bodentiefen Fenstern, die auf einen idyllisch begrünten Hof hinausgehen. Fein Fein.

mein Zimmer in Le Puy

Nach dem Einchecken und einer Dusche ziehe ich los und mache einen ausgiebigen Spaziergang durch Le Puy en Velay. Das wird eine sportliche Angelegenheit. Die Gassen im Zentrum führen mal hinauf, dann wieder hinunter und sind teilweise ganz schön steil. Nach dem langen Sitzen auf der Honda tut das gut. Bei meinem Bummel entdecke ich u.a. diese tolle „Kathedrale Notre Dame“, deren älteste Teile aus dem 11. Jahrhundert stammen und die zugleich Ausgangspunkt für einen Jakobsweg ist:

Muss ich mir natürlich aus der Nähe anschauen.

Oben angekommen bleibe ich für ein paar Minuten unter den dunken Torbögen stehen. Das Gebäude ist beeindruckend und die Stille hier oben fühlt sich beim Blick auf die Stadt merkwürdig an.

Blick zurück von der Kathedrale

An hübschen (und geöffneten!) Restaurants herrscht in diesem Ort kein Mangel und ich lasse mich in diesem kleinen Lokal nieder, wo ich ein paar leckere Würstchen mit den von hier stammenden Puy-Linsen probiere:

An dem Tischchen mit den schönen Wiesenblumen vor der Tür des gerade öffnenden Restaurants lässt sich gut sitzen und die vorbei Flanierenden beobachten. Um diese Jahreszeit scheint es nicht einmal an einem Ort wie diesem überlaufen zu sein, wie schön.

Nach dem Essen erkunde ich in der Abendsonne noch ein wenig das Städtchen und suche nach der Kirche „Heiliger Michael auf der Nadel“, die mich schon im Internet so beeindruckt hat. Da ist sie ja:

Wow! Obwohl ein wirklich angenehmes Zimmer auf mich wartet, habe ich es heute nicht eilig, zurück ins Hotel zu kommen.

Heiliger Michael auf der Nadel

Durch eine enge Gasse erhasche ich noch einen Blick auf eine andere Sehenswürdigkeit der Stadt, die Statue „Notre Dame de la France“ von 1860, die ich schon beim ersten Blick auf die Stadt von Ferne sehen konnte:

Es fängt jetzt an, immer wieder zu nieseln, und nach einem letzten langen Blick auf diesen Regenbogen mache ich mich schließlich doch auf den Weg zu meinem Bett.

Was für ein schöner Fahrtag! Was für ein interessanter Ort! Was für ein herrliches Zimmer! Heute stimmt einfach alles. Dass ich ab morgen schon wieder auf dem Weg zurück nach Köln sein werde, bekümmert mich daher gerade nur ein kleines bisschen. Schade, dass ich nicht mehr Zeit habe. Ich habe das Gefühl, dass die Entdeckungen gerade erst anfangen und würde am liebsten noch ein paar Wochen (Monate…) weiter Richtung Süden fahren.

Auf dem Weg ins Hotel schieße ich dieses letzte Bild:

tempus fugit

zum nächsten Tag