Tag 8: Bourg en Bresse – Vichy

Nach einer nicht besonders erholsamen Nacht im Comfort Hotel Bourg tapse ich zum Frühstück. Das Buffet und insbesondere das angebotene Brot sind von solch einer Scheußlichkeit, dass ich es kurz mache und so bald wie möglich wieder nach oben gehe, um das wenige, das ich ausgepackt habe, wieder einzupacken. Nachdem ich das Mc Donalds-Menü von gestern in die Toilette befördert habe, geht diese passenderweise kaputt und lässt sich nicht mehr spülen. (Sorry Anke, ich weiß: keine Details!) Erst bin ich perplex; so eine Hinterlassenschaft hatte ich bei aller Kritik nicht geplant. Nach dem ersten Schreck finde ich es dann gar nicht mehr so unpassend und verlasse das Zimmer reisefertig, um auszuchecken.

Das Bezahlen mit der Kreditkarte dauert ein wenig und ich weise währenddessen vorsichtig auf die defekte Toilette in meinem Zimmer hin und darauf, was den nächsten Besucher daher dort erwartet. Der Blick des Rezeptionisten, der auch der Besitzer ist, wie sich gleich darauf herausstellt, scheint mir so böse, dass ich auch gleich noch mein ungebetenes Feedback zum Hotel nachliefere; insbesondere den Teil mit den röhrenden Leitungen.

Zum ersten Mal bewegt sich etwas in seinem Gesicht, das man jetzt in Richtung neutrale Freundlichkeit interpretieren könnte und er erklärt mir, dass er das Haus erst vor kurzem in diesem Zustand übernommen habe. Er sei dabei, Zimmer für Zimmer instand zu setzen. Meines sei leider noch nicht an der Reihe gewesen. Ich finde zwar nicht, dass das eine gute Begründung dafür ist, mir rund 60 Euro abzuknöpfen, habe aber auch endgültig keine Lust mehr auf weitere Unterhaltungen. Sein Englisch ist nicht leicht zu verstehen und vielleicht war das ja bisher der Grund für die äußerst zurückhaltende Kommunikation. Egal, weg hier!

Der Moment, in dem ich morgens, äh…naja gut, also vormittags jeweils auf das fertig gepackte Motorrad steige und endlich losfahre, ist immer von Euphorie geprägt; heute kommt zu der kribbeligen Mischung aus Vorfreude, Entdeckerlust und Spannung noch das Gefühl großer Erleichterung hinzu.

Die Strecke führt mich zunächst an Macon vorbei und weiter durch die wunderschöne Landschaft des Burgund.

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Das Wetter passt und der olle Kasten von letzter Nacht ist schnell vergessen.

Auf dem Weg nach Vichy fahre ich an etlichen kleineren Ortschaften vorbei, von denen ich in der Regel nur ein paar niedrige Häuser entlang der Landstraße sehe.

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Auf dem Weg nach Vichy

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Die Straßen sind weitgehend frei und es ist mal wieder unglaublich schön, einfach so dahin zu gleiten. Außerhalb der Ortschaften fühlen die Honda und ich uns bei ca. 80 km/h wohl: ich kann den rund laufenden Motor noch hören, weil die Windgeräusche moderat sind, und um die Landschaft rundherum zu bewundern, ist die Geschwindigkeit auch noch ok.

Eine längere Pause mache ich um die Mittagszeit in Charolles. Ein Örtchen, das viel Charme und eine unglaubliche Ruhe ausstrahlt. Es ist Sonntag und auf den Straßen ist kaum jemand zu sehen. Ich parke das Motorrad auf dem zentralen Platz vor der schönen  Kirche und laufe von dort ein paar der kleinen Straßen ab, die von der Ortsmitte abgehen.

Die Kirche von Charolles
Die Kirche von Charolles

So schön und beschaulich es hier ist, der Mangel an Gelegenheiten, unkompliziert etwas zu essen, geht mir langsam ein wenig auf den Keks. Die Geschäfte – soweit vorhanden – sind geschlossen, nur 2 Bäckereien bieten Kuchen und Torten an. Sooo klein ist dieser Ort doch gar nicht.? Mir ist nicht nach Kuchen, ich möchte etwas warmes, deftigeres. Wo essen denn die Franzosen hier am Sonntag? Alle bei sich zuhause? Während ich in der von der Mittagssonne aufgeheizten Lederhose und Motorradjacke durch den Ortskern von Charolles stiefele, passe ich die Ansprüche an mein Mittagessen langsam den Gegebenheiten an. Und kaufe in einer der beiden Bäckereien schließlich so eine Art herzhaften Lebkuchen und ein kleines Obsttörtchen dazu. Auf dem Kirchplatz stehen ein paar Bänke und ich mache es mir in Sichtweite der Honda darauf gemütlich und knabbere an meiner Beute.

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Charolles

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Mitten durch den Ort fließt das Flüsschen Arconce, das später in die Loire mündet.

Während ich gesättigt auf meiner Bank döse und langsam eins werde mit der hiesigen Sonntagsruhe, werden zwei sehr schöne Triumphs auf den Platz gefahren und kreisen ein paar mal unschlüssig. Ein älteres Paar unter halboffenen Jethelmen mit Daypacks auf dem Rücken – offenbar auf einer kleineren Runde unterwegs. Als sie in der Nähe meines Motorrades halten und zu mir rüber sehen, halte ich anerkennend meinen Daumen nach oben: „nice bikes“. Sie lächeln, blicken auf mein Motorrad und erwidern nach einer kleinen ratlosen Pause halb französisch, halb englisch so etwas wie: „Ebenfalls“.

Ich muss grinsen. Wie höflich die Franzosen sind. Sie sprechen leider kaum Englisch, aber ich kann noch anbringen, dass meine Honda natürlich nicht zum Schönheitswettbewerb antritt, dass sie aber ein fantastisches Reisegefährt ist.  Sie nicken enthusiatisch. Wenn die wüssten, wie stolz ich auf mein „hässliches Entlein“ bin.  Als sie merken, dass ich sie fotografieren möchte, drehen sie für mich noch eine Extrarunde. Nett, diese Franzosen.

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Als sie wieder vom Platz gerollt sind, setze auch ich meine Fahrt fort.

Am frühen Abend komme ich in Vichy an und bin damit schon in der Auvergne.

Das „Hotel les Nations“ begrüßt mich mit einer wunderhübschen Jugendstilfassade. Nach der Pleite von gestern Nacht war ich bereit, mein Übernachtungsbudget neu zu überdenken.

Hotel les Nations

Die Honda darf direkt vor der Tür parken und als ich in die elegante Lobby trete, fühle ich mich wie Susie Diamond, als sie mit den beiden fabelhaften Bakerboys das erste Luxushotel betritt. Nach dem Einchecken fahre ich hinauf auf ein Klassezimmer – alles richtig gemacht, seufz.

Nach einer ausgiebigen Dusche im Luxusbad ziehe ich los, um mir Vichy anzuschauen. Wie erwartet, ist es eine schöne Stadt mit vielen alten Villen, englischen Parks und einem vornehm anmutenden Boulevard entlang des Flusses Allier.

Meine Augen werden hier von jeder Menge Jahrhundertwende-Architektur verwöhnt.

Als ich auch noch ein Restaurant entdecke, das bereit ist, mir tatsächlich schon vor 19 Uhr Zanderfilet und Weisswein zu servieren, bin ich wieder absolut im Reinen mit mir und der Welt.

Kiosk in Vichy

Zum nächsten Tag.