Tag 7: Besancon – Bourg en Bresse

Gestern Abend hatte ich keine Lust mehr dazu und so muss ich heute beim Frühstück das nächste Tagesziel aussuchen.

Ein Mix aus Wettercheck, Kartenstudium und Hotelverfügbarkeit ergibt „Bourg en Bresse“. Die Entfernung ist relativ gering für eine Tagesetappe, aber der Ort passt gut. Er ist klein genug, um mich in keinen stressigen Stadtverkehr begeben zu müssen, und es gibt ein Hotel, das in mein selbstgewähltes Budget von ca. 50,-Euro/Nacht passt. Ich merke langsam, dass es hier in Frankreich immer schwieriger wird, für diesen Preis eine schöne Unterkunft zu finden.

Die Alpen kann ich wohl für dieses Mal vergessen: nach wie vor sollen dort Gewitter toben und Straßen teilweise gar nicht befahrbar sein. Und so peile ich nun die Auvergne an. Mal sehen, wie weit ich komme, bevor die Hälfte der Zeit herum ist.

Der Weg nach Bourg en Bresse führt wieder über wenig befahrene Landstraßen durch grünbraune Hügellandschaft unter blauem Himmel an den Rändern des französischen Jura entlang.  Genau die Kombination, die entspanntes Dahingleiten ermöglicht, ohne langweilig zu werden. Mein Blick darf schweifen, der Kopf ist frei, die Zeit ein Konstrukt, das für eine Weile keine Bedeutung hat.

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Relativ früh komme ich gegen 16.00 Uhr am „Comfort Hotel Bourg“ an, das ca. 2,5 km vom Ortszentrum entfernt in einem Industriegebiet liegt. An diesem Samstagabend ist es hier wie ausgestorben. Der Empfang im Hotel ist alles andere als verheißungsvoll. Ein Inder, etwas älter als ich selbst, steht in der Lobby hinter seinem Empfangsdesk und wechselt fast kein Wort mit mir. Er notiert sich die Daten von meinem Personalausweis und händigt mir stumm einen Schlüssel aus. Es fühlt sich fast ein wenig unheimlich an.

Ich merke, welchen Unterschied die Begrüßung im Hotel für die müde Bikerseele machen kann. Mich jedenfalls deprimiert sein Verhalten an diesem Tag. Durch einen eher inoffiziell wirkenden Treppenaufgang  erreiche ich wenig hoffnungsvoll mein Zimmer. Dieses ist gerade groß genug für ein Doppelbett und einen in die Wand eingelassenen Schrank, den ich definitv nicht nutzen möchte; und das angrenzende Duschbad hat auch schon bessere Zeiten erlebt.

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Wenigstens kann ich vom Fenster aus meinen Schatz sehen:

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Hier mag ich mich nicht länger als notwendig aufhalten und spaziere so schnell es geht wieder hinaus. Sogar auf eine Dusche verzichte ich heute. Durch das öde Industriegebiet wandere ich zurück auf die Landstraße und dann etwa eine halbe Stunde lang vorbei an Möbelhäusern, Mc Donalds und Autoverkäufern bis in den eigentlichen Ort.

Aus dieser Gegend kommt das Bressehuhn und Anke, die über whatsapp meine Reise sozusagen begleitet, schreibt mir, dass Bourg en Bresse sogar ein Lochkartenmuseum hat. Na Bravo 😉 . Ich wäre jetzt schon mit einem leckeren Essen zufrieden und halte Ausschau nach einer Gelegenheit dazu. Bis in das Ortszentrum zieht es sich noch eine Weile und mein Hunger wird immer heftiger. Für ein Abendessen bin aber viel zu früh; die Franzosen essen nicht vor 20 Uhr zu Abend und im Ort hat jetzt noch kein Restaurant seine Küche für mich geöffnet. Bourg en Bresse selbst ist unspektakulär. Mein Bedürfnis nach Bewegung wird heute schon durch den Weg vom und zum Hotel zurück gedeckt, so dass ich – auch wegen des Hungers – bald genug gesehen habe und mich auf dem Rückweg tatsächlich mit einem Mc Donalds und ansonsten mit der Ereignislosigkeit dieses Ortes zufrieden gebe.

Zurück beim Hotel setze ich mich noch mit einer Flasche Heineken (die Auswahl an der Hotel-„Bar“ ist spärlich) und einer Zigarette vor den Eingang auf den Parkplatz und lasse beim Untergehen der Sonne den Tag Revue passieren. Die Typen, die an der Bar herumstehen, sind mir nicht ganz geheuer und draußen ist sowieso gerade das schönere Licht. Aufgrund der selbstgewählten Einsamkeit smse ich noch ein bisschen mit der Heimat und will wohl den Moment hinauszögern, wo ich wieder in diesen unwirtlichen Kasten hinein muss. Mindestens einem anderen Gast scheint es ebenso zu gehen. Er steht am Eingang des Hotels, ebenfalls rauchend, und schaut grimmig bis trübsinnig ins Leere. Was für ein Platz.

Wieder auf meinem Zimmer mache ich mich an die Planung für morgen. Ich brauche jetzt ganz dringend ein schönes Ziel und vor allem: die Aussicht auf eine Unterkunft, die mich wieder mit der Welt der Hotellerie im mittleren Preissegment versöhnt. Ich entscheide mich für Vichy: ein für seine Heilquellen berühmtes altes Kurbad, in dem schon die Mutter Napoleons Erholung fand und das aufgrund seiner Vergangenheit als Modebad des internationalen Adels ganz hübsch sein muss – so hoffe ich zumindest.

Mit diesen tröstlichen Aussichten mache ich das Licht aus. An erholsamen Schlaf ist aber noch eine ganze Weile nicht zu denken; bis gegen 2 Uhr morgens werde ich von den seltsam röhrenden und vibrierenden Leitungen in meinem kleinen Duschbad wachgehalten. Ich habe keine Ahnung, warum die sowas machen, bin aber auch schon viel zu müde, um bei dem charmanten Inder in der Hotelhalle nachzufragen.

Zum nächsten Tag