Tag 6: Biederbach – Mulhouse – Besancon

Heute habe ich Geburtstag. Ich gehe hinunter in die Gaststube. Da ich nirgends Kerzen oder eine Torte entdecken kann, setze ich mich einfach irgendwohin und frühstücke. Die erneute Beschäftigung mit den Wetterprognosen veranlasst mich, weiter nach Westen auszuweichen.

Der einzige Bereich, in dem in den nächsten Tagen kein Regen zu erwarten ist, ist ein nicht allzubreites Band im Osten Frankreichs. Ok, also dorthin. Ich studiere wieder die Karte und wähle als Ziel für heute Abend Besancon aus, wo ich auch gleich ein Hotel buche. Dann fällt mir meine Kette ein, die nicht nur wegen des gestrigen Regens dringend etwas Pflege braucht.

Nach dem Frühstück schmiere ich erst mal die Kette der Honda, bevor ich auf mein Zimmer gehe und meine nach 3 Tagen Aufenthalt schon weitläufig verteilten Sachen zusammenpacke. Ich lasse mir Zeit, damit das Kettenfett sich schön verteilen kann, bevor ich losfahre.

Als ich die Gepäckrolle auf das Motorrad geladen und verzurrt habe, verabschiede ich mich noch von der Dame des Hauses und sage ihr, wie wohl ich mich hier gefühlt habe. Sie fragt mich, wohin die Reise geht und als sie hört, dass ich heute bis nach Besancon fahren will, leuchten Ihre Augen auf. Sie erzählt sie mir, dass sie schon mehrere Male dort war und was sie von dort berichtet, klingt vielversprechend. Ich mache mich auf den Weg und fahre bis Mittags auf der Landstraße zunächst bis Mulhouse. Nach den Tagen in Biederbach ist das hier wieder richtig „Stadt“ inklusive Verkehr.

Ich finde irgendwie aus dem Verkehrsstrom heraus und einen netten Platz irgendwo im Zentrum der Stadt, wo ich mich für einen Mittagssnack auf einer Bank niederlasse.

mittagspaule-mulhouse

Die meisten Menschen arbeiten hier wohl gerade und so scheint der Platz um diese Zeit den Chlochards zu gehören. Die mustern mich von der anderen Seite des Platzes neugierig aber friedlich, während ich an der Käsesemmel knabbere, die ich vom Frühstück in Biederbach habe mitgehen lassen.

Ich genieße noch eine ganze Weile die Sonne, bevor ich weiterfahre.  Motorradfahren macht im Stadtverkehr immer noch keinen Spaß und keinen Sinn, und ich bin froh, als ich Mulhouse hinter mir lassen kann. Wieder auf der Landstraße unterwegs, fällt mir zum ersten Mal auf, was mich an Frankreich noch häufiger begeistern wird: statt Ampeln gibt es viele Kreisverkehre, die dafür sorgen, dass die Fahrt im Fluss bleiben kann. Statt nervigem Stop-and-Go braucht es jeweils nur ein weiches Ein- und Ausschwenken und weiter geht´s. Die Kreise sind für mich eine willkommene Unterbrechung der langen Geraden auf der Landstraße.

kreisverkehre

Die Fahrt geht jetzt durch immer hügeliger werdendes Gelände und irgendwann befinde ich mich am Rand des französischen Jura. Wie schön es hier ist! Frankreich hatte bis dato als Reiseziel bei mir keine Rolle gespielt. Beim Anblick dieser Gegend bin ich darüber einigermaßen empört.

Die Strecke wird immer schöner; bei Topwetter, naja, bin ihm ja schließlich auch nachgefahren. So düse ich durch die Gegend, freue mich des Lebens, bin im Flow. Irgendwo in der Pampa esse ich meinen Proviant und lausche den Insekten.

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Trotz Sonnenschein und passenden Temperaturen wehte teilweise ein ziemlich starker Wind von der Seite, gegen den ich schräg anfahren musste. Erst als ich hier sitze, merke ich, wie anstrengend das war und mache eine längere Pause. Bis es dann irgendwann weitergeht durch die ruhige, weite und sanft hügelige Landschaft in grün, braun und blau.

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Abends in Besancon werde ich vom schönsten Feierabendverkehr verschluckt und es dauert eine Weile, bis ich vor dem Hotel stehe. Das IBIS Besancon City Hotel ist ein etwas futurisch aussehender Bau direkt am Fluss „Le Doubs“, der sich in einer Schleife um die Innenstadt von Besancon windet.

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Hotel IBIS Besancon City

Die Honda parke ich halblegal auf dem mindestens 5 Meter breiten Fußgängerstreifen zwischen dem Hotel und der Straße, die es vom Fluss trennt. Ich krame umständlich an meinem Gepäck herum und warte noch ein paar Minuten, bis die zwei Flics da drüben mich gesehen haben. Wenn die nichts sagen, mache ich mir keine Sorgen, eventuell hier abgeschleppt zu werden. Irgendwann schaut einer der beiden zu mir her und auf meinen fragenden Blick nickt er gnädig zu mir herüber. Das reicht mir als offizielle Parkerlaubnis, jetzt kann ich einchecken. Das Hotel ist ok, sehr modern und die Fenster sind dick und zigfach verglast. Als ich ein Fenster öffne, verstehe ich warum.

besancon

Über den Fluss kann ich hinüber zur Altstadt sehen. Nach einer schnellen Dusche ziehe ich los. Auch wenn ich schon ziemlich müde bin, will ich wenigstens noch ein bisschen was von Besancon sehen, das jetzt im goldenen Abendlicht lockt. Außerdem habe ich mit mir noch nicht auf meinen Geburtstag angestoßen.

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Ich spaziere über die Brücke in das Innere der Stadt. Viel Kunst und Kultur, eine vitale Szene offenbar, schöne Läden, Cafés und Restaurants… ich lasse mich treiben und finde irgendwann ein kleines Weinlokal in einer etwas ruhigeren Seitenstraße, vor dem symphatisch aussehende Menschen unter alten Bäumen stehen und sitzen. Ein guter Platz für meinen Geburtstagswein, wie ich finde, und hier bekomme ich auch etwas zu essen.

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Mit Blick auf eine Kirche sehe ich den Flanierenden und Kultursuchenden zu. Der Ort macht einen interessanten Eindruck; hier könnte man wieder ein paar Tage bleiben. Aber ich befinde mich auf meiner ersten Motorradreise und etwas weiter in den Süden will ich es schon noch schaffen, bevor ich in nicht allzu ferner Zukunft schon wieder an den Rückweg denken muss. Ich bin erst seit letztem September in einem neuen Job und möchte meinen Chef nicht mit spontan verlängertem Urlaub überraschen. So begnüge ich mich mit den oberflächlichen aber wunderschönen Eindrücken dieses Abends und schlafe später im Hotel hinter den geschätzt 6-fach verglasten Fenstern wie ein Stein.

Zum nächsten Tag