Tag 11: Julienas – Mulhouse

Als ich wach werde, ist der Himmel schon wieder strahleblau – hurrah – und auf zum Frühstück, aber subito! Im Frühstücksraum, der offen neben dem gemütlich eingerichteten Empfangsbereich dieser netten Herberge liegt, sitzen schon die Jungs von gestern Abend zusammen und scheinen auch beim Frühstück schon wieder jede Menge Spaß zu haben. Als ich mich gerade an einem freien Tisch niederlassen will, winkt der nette Kerl von gestern Abend zu mir herüber und fragt erst auf französisch und dann – als er meinen ratlosen Blick sieht – in sehr gepflegtem Englisch, ob ich mich dazu setzen mag? Klar mag ich! Alleine frühstücken ist ok, aber mein Hobby wird es sicher nicht.

Bei Croissants und Milchkaffee erfahre ich, dass die kleine Gruppe auf dem Weg zu einem Motorradrennen in der Toskana ist und seit ein paar Jahren regelmäßig miteinander zu verschiedenen Rennen reist. So auch zur berüchtigten Isle of Man, von der mir an diesem Morgen schauerliche und begeisterte Geschichten erzählt werden.

Die Unterhaltung mit Philippe, der als einziger gut Englisch spricht, ist sehr amüsant. Er ist Fotograf in Paris, sehr charmant und befragt mich interessiert zu meinen Reiseerfahrungen. Ich gestehe ihm, dass dies meine erste Reise auf dem Motorrad ist. Schwärme von der Reisetauglichkeit der Honda und von der Freiheit des Alleinreisens. Er war noch nie alleine mit dem Motorrad außerhalb von Paris unterwegs und findet mich mutig. Wir sitzen noch ein bisschen zusammen und tauschen E-mail-Adressen aus. Dann sind alle außer Philippe reisefertig und drängeln freundlich. Wir müssen uns verabschieden.

Ich packe ebenfalls zusammen und bedanke mich noch bei dem Hotelbetreiberpaar, das hier wirklich ein schönes und unangestrengtes Plätzchen inmitten von Weinreben bietet, das ich jedem weiterempfehlen kann, der mal in diese Gegend kommt.

Für heute Abend habe ich ein Zimmer im Aparthotel Mulhouse gebucht, das wird sicher anders.

Eine ganze Weile lang folge ich einer Straße neben dem „Doubs“. Kaum Verkehr – mal wieder – dafür elegante Kurven, die ausreichend Luft zum Schauen lassen.

Blauer Himmel, Schäfchenwolken… schööön.

Ich habe einen Fahrtag bei allerbestem Wetter. Wie lange die heutige Etappe dann tatsächlich ist, merke ich schließlich in Mulhouse. Das Hotel ist wg. diverser Einbahnstraßen nicht so einfach anzufahren und ich gurke einige Zeit um ein Carré durch den feierabendlichen Stadtverkehr, bevor ich endlich vor dem Hotel stehe. Für heute bin ich einigermaßen am Ende meiner Kräfte angelangt und will nur schnell einchecken und sofort zum Essen losziehen. Mein Hunger ist unbeschreiblich und wer mich kennt, weiß, was das mit meiner Laune macht.

An der Rezeption dieses modernen Hauses, das sehr international tut, drückt mir die hippe Rezeptionistin ein mehrseitiges französisches Dokument mit jeder Menge Text in die Hand, das ich unterschreiben soll. Wie bitte? Ich erkläre entschuldigend, dass ich leider kein Französisch verstehe und bitte Sie um ein englisches oder deutsche Formular. (Wir sind hier im Elsass!) Sie erklärt, dass es das Dokument nur in Französisch gibt und ich nicht einchecken kann, bevor ich das nicht unterschrieben habe. Ich versuche ihr klarzumachen, dass ich Schwierigkeiten habe, ein so üppiges Werk zu unterschreiben, das ich nicht lesen kann. Dass ich hungrig und müde bin und jetzt endlich auf mein (schon bezahltes) Zimmer möchte. Sie bleibt hart. Ich bin fassungslos, welche Steine mir hier auf dem Weg zu einer dringend benötigten Mahlzeit noch in den Weg gelegt werden. Langsam werde ich sauer. Ich bitte darum, mit dem Chef dieses Etablissements zu sprechen. Kein Chef da. Ich bleibe hart. Man kann mir sicher ansehen, wie erschöpft ich bin, aber das scheint sie nicht zu kümmern. Endlich kommt ein Kollege der unflexiblen Rezeptionsmaus aus einem Büro hinter der Rezeption und sagt, alles ok, und plötzlich genügt mein Personalausweis, damit ich endlich einchecken kann. Die Tussi würdige ich keines Blickes mehr, als ich endlich die Keycard für mein Zimmer erhalte.

In einem sprechenden Aufzug fahre ich nach oben in die 6. Etage. Eine erotisch klingende Frauenstimme sagt die Etagen an. Auf „Etage sis“ muss ich raus und werfe mein Gepäck im Zimmer ab. Eine schnelle Dusche muss trotz des Riesenhungers aber noch sein und als das erledigt ist, schleppe ich mich – kurz vor dem gefühlten Hungertod – in das nächste Restaurant am Weg. Wenige Minuten vom Hotel entfernt erreiche ich das „L´Entrecote de Mulhouse“ wo ich einen Flammkuchen zum Edelzwicker Blanchet verschlinge.

Danach ist alles wieder gut. Von Mulhouse sehe ich heute nicht mehr viel, ich bin einfach zu kaputt. Zurück im Hotel bin ich vom sprechenden Aufzug so fasziniert, dass ich auf alle Knöpfe drücke, um der schönen Stimme zu lauschen: „Étage un“, „Étage deux“, „Étage trois“, „Étage quatre“, „Étage cinq“, „Étage six“… Gute Nacht.

zum nächsten Tag