Tag 10: Le Puy en Velay – Julienas

Meine heutige Tagesetappe, die ich gestern Abend vor dem Einschlafen noch auf dem iPad geplant habe, führt mich über Lyon nach Julienas, zu einem der Grand Crus des Beaujolais.

Obwohl ich normalerweise darauf achte, größere Städte wegen des unerfreulichen Verkehrs zu meiden, kann ich LYON natürlich nicht links liegen lassen, wenn es schon mal am Weg liegt. Selbst wenn ich da im Wesentlichen nur durchfahren werde: auf diese Stadt freue ich mich und auch auf die Fahrt in die berühmte Weinbauregion.

Auf dem Weg nach Lyon geht es ein gutes Stück durch das Tal der Loire.

Die Straße, die ich mir heute mit ein paar kleineren LKW teilen muss, windet sich kurvenreich am Fluss entlang. Das Wetter ist mal sonnig, mal wolkig, bleibt aber auch heute trocken.

Mittags erreiche ich Lyon. Obwohl die Stadt nur halb so viele Einwohner wie Köln hat, wirkt sie viel mehr wie eine Metropole. Besonders die Altstadt macht schon vom Motorrad aus einen so spannenden Eindruck, dass ich mal wieder hin- und hergerissen bin. Mais non, Madame, ich bin auf Motorradtour und nicht auf Städtereise und im Moment bekomme ich das noch nicht zusammen. Ich weiss mittlerweile ungefähr, wie lange ich bis zum jeweiligen Tagesziel brauchen werde und will am Abend ohne Hast in Julienas ankommen. Also begnüge ich mich damit, ein bisschen an der Rhone und der Saone entlang zu cruisen und mich zwischendurch auch mal in das Gewühl der Altstadt zu mischen.

Lyon/Saone

Lauter Häuser und Gassen, die neugierig darauf machen, sie sich in aller Ruhe aus der Nähe anzusehen … In dieser Stadt hätte ich allerdings auch kein gutes Gefühl dabei,  Motorrad nebst Gepäck einfach irgendwo stehen zu lassen. Ich nehme mir vor, Lyon zu würdigen, wenn die Zeit für einen Städtetrip gekommen ist.

Ich sauge so viele Eindrücke wie möglich vom Motorrad aus auf, trinke irgendwo, wo ich die Honda in Sichtweite parken kann, noch einen Kaffee und mache mich dann auf den Weg hinaus aus der Stadt. Das heißt, ich versuche es!

Auf einer mehrspurigen Straße am Fluss entlang versuche ich mehrmals, richtig abzuzweigen, um die Stadt zu verlassen. Als ich zum gefühlt 4. oder 5. Mal das ORTSEINGANGSSCHILD von Lyon passiere, könnte ich schreien. Da der Verkehr nicht ohne ist, geht dabei einiges an Zeit drauf.  Schließlich versuche ich die letzte der noch nicht getesteten Abzweigungen, die mir wegen der genannten Ortsnamen zwar völlig verkehrt vorkommt, mich aber tatsächlich endlich aus der Stadt herausbringt.

Freundin Anke bemerkt dazu später, dass Lyon die Severinsbrücke von Frankreich sei… . Auch mein alter Freund Olli kennt die Nummer aus eigener Erfahrung. Ich erfahre im Anschluss an diese Reise, dass er schon vor 30 Jahren Probleme hatte, aus der Stadt herauszufinden, als er und sein Kumpel Kiko zusammen auf einem 50er Vespa-Roller auf Reisen waren, um die Welt jenseits von Troisdorf zu entdecken.

Lyon hat nun doch deutlich mehr Zeit gekostet als geplant und auf schöne Schlenker rechts und links des Weges habe ich jetzt erst mal keine Lust mehr. Ich fahre über Land relativ direkt bis nach Julienas. Die Gegend ist allerdings so schön, dass es keiner Schlenker bedarf.

Feinste Beaulolais-Träubchen:

Es ist bereits Abend, als ich in der kleinen Gemeinde einfahre. Das „Hotel des Vignes“ wird von einem sehr netten Paar, ich schätze beide so Mitte/Ende Fünfzig, betrieben. Die beiden fahren ebenfalls Motorrad und sind sehr stolz auf ihre wunderschönen Triumphs, die im „private space“ vor dem Hotel parken:

Als ich einchecke wird der Sohn herbeigerufen, um mein Gepäck auf das Zimmer im ersten Stock zu tragen. Der zarte Bursche, so um die Zwanzig, schleppt meine Gepäckrolle freundlich, aber hörbar ächzend und schnaufend, die Treppe hinauf und ich bekomme fast ein schlechtes Gewissen. Aber nur fast.

Das Zimmer ist hübsch und die Aussicht auf endlose Reihen mit Weinreben beruhigend.

Nach einer wärmenden Dusche mache ich mich auf die Suche nach einem Abendessen. Der Hauswirt hatte beim Einchecken etwas von einem Pizzadienst und einem Restaurant erzählt, leider hauptsächlich auf französisch, so dass ich jetzt eher auf gut Glück in das ca. 1,5 km entfernte Ortszentrum losmarschiere.

Beim Verlassen des Hotels sehe ich, dass die Honda in der Zwischenzeit Gesellschaft bekommen hat:

Die Herde grast vor dem Hotel

Drei Franzosen und ein Italiener, die ich am nächsten Morgen beim Frühstück kennenlernen werde, aber das weiß ich jetzt noch nicht. Und so sehe ich mir nur kurz interessiert die Motorräder an: eine Ducati Monster, eine Honda NTV, eine Triumph neueren Datums und das vierte Motorrad kenne ich nicht.

Mein Schatz macht sich gar nicht schlecht in der neuen Herde, stelle ich zufrieden fest und verlasse den Hof Richtung Landstraße.

Es ist schön, durch diese stille Gegend zu laufen. Rechts und links nichts als Weinhügel, so weit das Auge reicht.

Im sehr überschaubaren Zentrum lacht mich dieses kulinarische Kleinod an:

Im „le Coq a Julienas“ gibt mir die charmante Dame des Hauses sofort ein gutes Gefühl, als sie mir mit größter Selbstverständlichkeit und unaufdringlicher Freundlichkeit einen kleinen Tisch zeigt, an dem ich Platz nehmen kann. Der Laden ist klein und schon ziemlich gut gefüllt und ich bin froh, dass das hier so unkompliziert läuft. Ich bekomme ein unglaublich leckeres Sirloin-Steak zu einem lokalen Beaujolais und bin überglücklich. Während ich schon begeistert über ein Dessert nachdenke, kommen ein paar Jungs in meinem Alter herein, die offensichtlich den langen Tisch reserviert haben, der quer zu meinem steht. Sie sind mit Ihren Klamotten noch als Motorradfahrer a.D. erkennbar und ich fühle mich gleich noch ein bisschen wohler hier.

Während ich schon ein fantastisches Dessert löffele, höre ich dem lebhaften französischen Geplauder meiner Nachbarn zu; einer von Ihnen sieht öfter als notwendig zu mir herüber. Netter Kerl, denke ich. Die Runde unterhält sich sehr angeregt miteinander und fast beneide ich sie ein wenig um diese fröhliche Gemeinschaft. Ich habe nach diesem Tag und erst recht nach diesem Essen allerdings nur noch ein Ziel: mein hübsches französisches Bett, von dem mich nur noch ein kurzer Spaziergang trennt. Also zahle ich und schlendere satt, glücklich und leicht angetrunken heimwärts.

zum nächsten Tag